Sizilien – Wingfoilen im äußersten Süden Italiens

„Ooaahh… schon wieder Sardinien?“ Das war die erste, genervte Reaktion unserer Mitbewohner im Teenageralter auf den Vorschlag für die Osterferien. Der Blick auf die Karte offenbarte noch weiter südlich eine Alternative. Mit einem aktiven Vulkan und Tempeln aus der griechischen Antike, mit denen man in die Welt von Percy Jackson abtauchen kann, wären vielleicht auch ein paar Highlights für semi-Wassersport-begeisterte Teenies dabei. Also ging es in diesem Frühjahr zum Wingfoilen nach Sizilien!

Nach der ersten Internetrecherche war klar, dass es zum Wingfoilen bzw. Wassersport allgemein auf Sizilien nicht ganz so viele Informationen gibt, wie man es von anderen Destinationen gewohnt ist. Es galt also „Neuland“ zu entdecken, was mich irgendwie fröhlich stimmte. Die altbekannten Pfade zu verlassen und mal wieder etwas neues zu entdecken, war auch schon eine Weile her.

Schon mit der Ankunft in Palermo wurde uns bewusst, dass die Dinge auf Sizilien nochmal etwas anders laufen. Der Verkehr ist gelinde gesagt „sportlich“ und gefühlt fährt hier jede/-r so, wie sie/ er will. Für uns ging es nach der 22-stündigen Fährfahrt aber erstmal auf einen Campingplatz außerhalb der Stadt, um sich ein wenig zu akklimatisieren. Und dies war wörtlich zu nehmen, denn der ganze Aufenthalt auf der Insel fühlte sich wie Sommerurlaub an, da die Temperaturen tagsüber immer 20° C überschritten und es in 2,5 Wochen nur einen regnerischen Tag gab.

Puzziteddu

Der Blick auf die Vorhersage führte uns zum einzigen Spot mit relativer Windsicherheit für diesen Tag, nach Puzziteddu. Unser erster Spot zum Wingfoilen auf Sizilien. Puzziteddu liegt im Südwesten der Insel und ist wohl einer der bekanntesten Spots der Insel. Strahlender Sonnenschein, türkis blaues Wasser und NW-Wind für den 5er Wing waren der perfekte Einstieg für den Trip und das Ganze ohne Haube, Schuhe und Handschuhe im 4/3-er Neo. Spätestens jetzt waren alle Zweifel über die Wahl des Reiseziels verflogen. Mit der Zeit entwickelte sich weiter draußen eine interessante Windwelle, die recht lange Downwind Ritte ermöglichte.

Zwar gibt es im Westen von Sizilien, nördlich von Marsala, noch eine riesige Flachwasser-Bucht mit einer guten Windstatistik, die zum Kiten sehr beliebt ist. Diese ist nur leider fürs Wingfoilen nicht tief genug. Zumindest so viel konnte ich meiner Internetrecherche entlocken, so dass wir diesen Spot auf unserer Reise ausgelassen haben.

Tempel und Strand

Nun standen die ersten Tempel auf dem Plan. In der Nähe von Agrigent lockte nicht nur das zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Valle dei Templi mit seinen zahlreichen griechischen Tempeln, sondern auch der nächste Spot zum Wingfoilen auf Sizilien. Südöstlich von San Leone liegt mit dem Camping Nettuno der perfekte Ausgangspunkt für einen Besuch der Tempel, aber auch mit direktem Zugang zum Strand und somit zum Spot. Winde aus NW oder SO kommen hier genau sideshore, so dass der Spot für die häufigsten Windrichtungen optimal ausgerichtet ist, welches vom wingfoilenden Teil der Reisegruppe natürlich sofort genutzt wurde. Der sehr nette Campingplatz-Betreiber erzählte uns, dass die Kontinuität und Häufigkeit der Winde in den letzten vier Jahren stetig zugenommen habe. 

Vulkan und Wind

Da für die nächsten Tage aber trotzdem erstmal Flaute angesagt war, entschieden wir uns, das nächste Highlight für die Teenager anzufahren: den Etna. Wir hatten sogar Glück, da der Vulkan pünktlich zu unserem Besuch Rauchringe ausstieß. Ein Phänomen, welches wohl nur sehr selten vorkommt. 

Die Ringe schienen wohl auch dem Windgott zu gefallen, denn es stellte sich die Mistral-Wetterlage ein, so dass es zurück an die Südost-Küste ging. In Marina di Ragusa weht der Mistral side- bis side off von links. 

In der Vorsaison gibt es in dem Urlaubsort genug freie Parkplätze an der Promenade und somit direkt am Wasser. So lange der Mistral noch nicht ganz so große Wellen an den Strand schob, war die Querung mit Wingfoil Material des Shorebreaks unproblematisch.

Im Hinterland und teilweise bis an die Küste zeigt sich die Gegend aber auch noch von einer anderen Seite. Unzählige Gewächshäuser aus Plastikplanen werden hier zum Gemüseanbau genutzt.

Ostwind

Nachdem der Mistral abgeflaut war, versprach der italienische Wetterdienst für die nächsten Tage Wind aus östlichen Richtungen also ging es für uns auch weiter Richtung Osten. Der Spiaggia Maganuco hat sogar eine eigene Ausfahrt von der Schnellstraße und ist auf der östlichen Seite von einer Hafenmole geschützt, so dass die Wellen aus dieser Richtung nie zu großen werden dürften. Der Ostwind war sogar stärker als vorhergesagt und kam direkt sideshore. Mit uns baute nur noch ein anderer Wassersportler sein Material auf. Der 3,5er Wing passte perfekt.

Nach dem in den letzten Tagen das Wingfoilen auf unserer Sizilien Reise im Vordergrund stand, galt es nun den Teenies wieder etwas zu bieten und es ging zur Cavagrande del Cassibile, einer spektakulären Schlucht mit mehreren Süßwasser Pools an der Südost-Küste. Glücklicherweise sollte die Ostwindlage halten und der Wind nun aus NO kommen. Genau richtig für den Küstenverlauf bei Avola. Folglich ließen sich Wassersport und Sightseeing-Tour herrlich kombinieren.

Am letzten Tag unseres Inselaufenthaltes ging es noch einmal zurück nach Puzziteddu. Wieder hatte sich eine Mistral-Lage eingestellt, diesmal aber etwas stärker als zuvor und wir wollten wissen, was der bekannteste Wave-Spot Siziliens so kann. Wie sich vor Ort herausstellte kann der Spot so einiges, nämlich so viel, dass an Wingfoilen gar nicht mehr zu denken war und stattdessen das Windsurfmaterial vom Dach geholt wurde. Bei teilweise drei Meter Welle über Riff hatte man aber auch mit Finnen seinen Spaß.

Abends ging es dann entsprechend ausgepowert auf die Fähre, wo uns das aufgepeitschte Mittelmeer nicht ganz so sanft in den Schlaf wiegte.

Wind und Wetter

Die beste Reisezeit ist Frühjahr und Herbst. Die Temperaturen sind dann sehr angenehm, der Andrang relativ gering und die Landschaft besonders reizvoll. Auch die Windstatistik kann sich zu dieser Jahreszeit sehen lassen. Einer der Hauptwinde vor allem im Frühling ist dann der teilweise starke Mistral aus NW/ WNW. Auch ist der Scirocco aus SO nicht ungewöhnlich. Oftmals ergeben sich aber lokale Windfelder aus verschiedenen Richtungen, so dass sich der tägliche Blick auf die Vorhersage lohnen kann. Ggf. kann man so seine Reise gut an den Wind anpassen kann.

Hätten wir es wirklich drauf anlegt und ordentlich Kilometer abgerissen, hätten wir fast jeden Tag auf dem Wasser stehen können. Windfinder und Co. geben zwar einen groben Anhalt, für eine genauere Vorhersage fanden wir aber den italienischen Wetterdienst 3BMeteo besser.

Spots zum Wingfoilen auf Sizilien

Stellt sich eine starke Mistral-Lage ein, können die Wellen schnell recht groß werden. Dies sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man nur Wingfoil-Sachen dabei hat. Auch Scirocco aus SO kann entsprechend große Wellen produzieren.

Wir waren auf unserem Trip nur im südlichen Bereich der Insel unterwegs. Den nördlichen Teil gilt es beim nächsten Mal zu erkunden. Hier nun die von uns „entdeckten“ Spots.

Puzziteddu

Puzziteddu ist einer der bekanntesten Spots der Insel. Vor Ort gibt es sogar zwei Wassersportstationen, sonst aber nicht viel. Geparkt wird entlang der Staubstraße. Der Einstieg erfolgt größtenteils über Sand und es wird relativ schnell tief genug fürs Foil. An der östlichen Seite der offenen Bucht liegen Riffplatten. Bei Leichtwind aus NW-W ist hier entspanntes Cruisen mit einer kleinen Windwelle angesagt. Bei starkem Mistral laufen hier schnell mal drei Meter Welle und mehr rein. Dann ist der Spot nur noch absoluten Top-Fahrern mit Wingfoil-Material zu empfehlen. SO-O Wind kommt sideshore von links.

San Leone

San Leone ist sowohl für Wind aus NW-W als auch SO ausgerichtet. Vom Campingplatz Camping Nettuno am östlichen Ende des Ortes hat man direkten Zugang zum Sandstrand und kann hier auch gleich aufs Wasser. Solange der Wind nicht zu stark ist, ist der Ein- und Ausstieg sehr einfach und es ist entspanntes Freeriden angesagt. Sind die Mistral-Wellen zu heftig, kann man sein Glück im Ort selber im Schutz der Hafenmole versuchen. 

Marina di Ragusa

In Marina di Ragusa weht der Mistral am Sandstrand leicht side off, was ihn vor allem im Uferbereich etwas böiger macht. Bei moderaten Mistral bzw. Leichtwind ist der Shorebreak mit Wingfoil-Material noch machbar bzw. kaum vorhanden. Werden die Wellen zu groß kann man versuchen, im Schutz der Hafenmole an der westlichen Seite rauszukommen. In der Vor- und Nachsaison gibt es genügend Parkplätze entlang der Promenade und somit direkt am Wasser. Auch ein guter Spot für Scirocco (SO).

Spiaggia Maganuco

Der Spiaggia Maganuco liegt direkt neben einer Schnellstraße mit eigener Ausfahrt. Geparkt wird auf einem großen Staubparkplatz oder für Mutige direkt auf dem Strand. Ostwind kommt an dem langen Sandstrand sideshore. Am östlichen Teil ist der Strand durch eine lange Hafenmole begrenzt, die dafür sorgt, dass die Bedingungen immer moderat bleiben. Am westlichen Ende gibt es eine Wassersportschule.

Avola

In der Gegend von Avola kommt man an den Sandständen bei Wind aus NO aufs Wasser. NO kommt zwar leicht onshore und es entwickelt sich auch ein wenig Kabbelwelle, dafür wird man aber mit glasklarem, türkisen Wasser „entschädigt“. 

Anreise und Unterkunft

Am praktischsten ist die Anreise mit dem eigenen Fahrzeug, denn so bekommt man sein Material zum Wingfoilen problemlos mit und ist auch auf Sizilien flexibel. Von Genua aus fahren verschiedene Fährlinien (z.B. GNV und Grimaldi Lines) nach Sizilien. Die Fährfahrt dauert zwar über 20 Stunden, ist aber der bequemere Weg. Alternativ kann man bis zum südlichen Zipfel Italiens fahren (über 1.000 km mehr) und dort mit der Fähre die 4 km nach Sizilien übersetzen.

Über die ganze Insel sind Campingplätze verteilt, die teilweise sogar über den Winter geöffnet haben. Im Frühjahr und Herbst braucht man sich keine Gedanken über eine Reservierung zu machen, eigentlich ist immer ein Plätzchen frei. Viele Campingplätze haben sich zu Verbänden zusammengeschlossen, über die man in der Vor- und Nachsaison sogar noch weiteren Rabatt erhält.

Sicherlich wird in der Vor- und Nachsaison auch die Übernachtung im Wohnmobil außerhalb eines Campingplatzes toleriert, so lange man kein campingähnliches Verhalten (Markise, Tisch und Stühle usw.) an den Tag legt.

Natürlich besteht auch die Möglichkeit eines Fluges in Kombination mit einem Leihwagen und Ferienwohnung oder Hotel.

Alternativen

Wenn der Wind auf Sizilien zum Wingfoilen mal nicht reicht, gibt es genügend Alternativen. Die Insel ist ein Schmelzziegel der Kulturen. Über die Jahrhunderte waren von den Griechen über die Römer bis zu den Mauren alle da und die haben alle ihre Spuren hinterlassen. Folglich gibt es eine Vielzahl kultureller Sehenswürdigkeiten wie Tempel oder römische Mosaiken. Der Etna ist dann noch einmal das geologische Highlight. Wingfoilen und Sightseeing lassen sich also sehr gut verbinden, welches vermutlich nicht ganz so Wassersport affine Personen der jeweiligen Reisegruppe begeistern dürfte und somit die Stimmung oben hält.

Ein Wellenreiter sollte unbedingt mit ins Reisegepäck. Nach einer Mistralphase laufen die Wellen oft noch einen Tag oder mehr nach. Das gleiche gilt für den Sciroccoo. 

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